HERAUSFORDERUNGEN IN TURBULENTEN ZEITEN
Wohlstandzuwächse bleiben aus
Die gewohnten Wohlstandszuwächse bleiben mehr und mehr aus, die Verteilungs-Kämpfe werden innerhalb von Gesellschaften massiver, zudem existieren weltweit etwa 140 Billionen Schulden; der Zuwachs an Arbeitsproduktivität sinkt seit 60 Jahren, das Realeinkommen steigt seit Jahrzehnten fast nicht mehr.
Sicherheitslage und Sicherheitsarchitektur werden schwierig
Die Tendenzen eines massiven, aufkeimenden Nationalismus‘ in der Türkei, in den USA und in den Visegrad-Staaten sind erkennbar, die beängstigend kriegerischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten erscheinen fast wie eine Konstante.
Veränderung des Weltklimas
Deutschland erreicht seine Klimaziele nicht (Ziel für 2020: 40 % weniger Treibhausemissionen als 1990). Die Energie-Nachfrage sinkt nicht, zudem wächst die Mobilität, außerdem werden noch immer 40 % der Energie aus Kohle gewonnen.
Seit 1990 sind die CO-2-Emissionen weltweit um 61 % gewachsen – der Emissionshandel ist als gescheitert zu klassifizieren. Und beim 2-%-Erwärmungs-Ziel müssen 4/5 der Kohlenstoffreserven im Boden bleiben.
Die Weltbevölkerung wächst rasch
2050 werden etwa elf Milliarden Menschen zu ernähren sein, wobei das Wachstum regional sehr unterschiedlich ist.
Die Politik versagt völlig – und Religionen werden nicht verhaltenswirksam
Die Politik – als gesellschaftliches Spiegelbild – versagt angesichts ihrer funktionalen Inkompetenz mehr und mehr. Ausgewogene gesellschaftliche Entscheidungen sind kaum zu erwarten, weil es auf der stellvertretenden politischen Ebene keine angemessene Reflexion gibt.
Klassische Religionen und auch moderne Religionen wie Kommunismus und Kapitalismus klammern die genetische Programmierung des Menschen aus: quasi alle Religionen haben versucht, den Menschen gravierend zu ändern – bis dato völlig erfolglos.
Digitalisierung – die digitale Droge
97 % der 14- bis 27-Jährigen können sich kein Leben ohne Handy vorstellen. Und die über 50-Jährigen verbringen im Durchschnitt 300 Minuten vor visuellen Geräten.
In den USA gibt der Durchschnitts-Haushalt pro Monat mehr Geld aus für Pornofilme als für alle Kulturgüter zusammen.
Unsere Realität wird verzerrt: Einerseits suchen wir Beruhigungsmittel, einen Gegenentwurf zur Realität. Andererseits suchen wir das Schrille, das Laute, das Sensationelle, nämlich die realen Tragödien.
Welche Konsequenzen sind daraus abzuleiten? Wir werden immer histrionischer, also theatralischer, oberflächlicher, labiler und aggressiver.
Wir könnten die Informations-Technologie beispielsweise nutzen, um uns über den Status der momentanen Staatsverschuldung oder über die Höhe der Emissionen der Treibhausgase zu informieren – dies machen wir aber nicht.
Wir glauben, frei zu sein – aber letztlich werden wir zu digitalen Marionetten auf dem Weg zur sozialen Entropie.
Und noch ein weiterer wichtiger Effekt ist zu erwarten: Die Digitalisierung wird zu einem erheblichen Arbeitsplatz-Verlust führen. Die Realeinkommen werden nicht steigen, wobei zu ergänzen ist, dass schon bislang Wirtschaftsaufschwünge nicht das Ergebnis real gestiegener Einkommen sind, sondern die Konsequenz der stetig wachsenden Verschuldung.
URSACHEN DIESER HERAUSFORDERUNGEN
Komplexität, Technologie sowie Dynamik führen zu faktischer Inkompetenz
Geschwindigkeit und Umfang der Komplexität bedingen rasch, dass die gesellschaftliche Mehrheit ihre Orientierung verliert. Fähigkeits- und Wissenszuwachs entwickeln sich mittlerweile erheblich langsamer und geringer als der technische Fortschritt.
Erhebliche Teile unserer Gesellschaft können die aktuelle Komplexität nicht mehr decodieren und interpretieren, es ist bereits jetzt hohe Fachkompetenz für das tägliche Leben nötig. Einschätzungen sind in vielen Fällen nur noch emotional orientiert, eine analytische Reflexion unterbleibt.
Gesellschaftlicher Split – unser Miteinander zerbricht
Die bisherige gesellschaftliche Aufweichung wird rückgängig gemacht in Richtung einer bipolaren Gesellschaft: ‚high potentials‘ kontra Masse…
Die Ablehnung der Eliten beginnt, krasse Facetten anzunehmen. Der mittlerweile öffentliche Hass auf die sog. Bildungsgesellschaft wächst rasch, nicht nur anlässlich des Hamburger G-20-Gipfels.
Auch ‚Prolo‘ ist nicht mehr eine Frage des Geldes. Vermögend – fröhlich – ordinär, so scheint es, wird zu einem vertrauten gesellschaftlichen Dreiklang.
FAZIT
Wir waren fest überzeugt, unsere westliche Gesellschaft würde durch wissensbasierte Entdeckungen ‚fast automatisch in den Fortschritt getrieben‘: Wachsende Industrialisierung, Technologie, zunehmende Mobilität würden menschliches Leben verbessern. Wir haben geglaubt, Computer werden schneller, moderne Medien immer leistungsfähiger und die Einkommen unaufhaltsam höher.
Vor allem waren wir sicher, dass der Nucleus einer humanistisch und liberal geprägten Zukunft von der Bildung verkörpert wird.
Aber offensichtlich reicht die Vermittlung von klassischen Schlüsselqualifikationen für ein dringend nötiges politisch-gesellschaftliches Redesign nicht aus, um die Herausforderungen der Zukunft zu bewältigen.
Bislang sind wir nicht einmal in der Lage, die wachsende Dynamik und den zunehmenden Umfang der Brandherde zu bremsen.
Wir sind zu oft Menschen ohne beispielgebende Tugenden und ohne reale Träume geworden. Wir erkennen immer klarer, dass wissenschaftlicher Fortschritt, Informationstechnologie und klassisches Wissen allein keinen Fortschritt garantieren können. Wir brauchen dringend die motivierende Vision einer reflexionsfähigen Bildungsgesellschaft – und keinen oberflächlichen, utopiefreien und globalisierten Lifestyle-Kapitalismus.

